

Picturing Intangible Heritage
(Kulturelles GedÄchtnis, Immaterielles ERbe, Mediale Adaption )
Thorolf Lipp, Berlin
ABSTRACT
Those cultural phenomena that UNESCO has declared Intangible Heritage do not exist as such – they need to be mediated to come into being. Naturally, Intangible Heritage is mediated by humans acting as mediums. Audiovisual means, however, enable cultural expressions to transcend space and time and thus have an impact on global cultural memory.
Visual Anthropology is the academic discipline that deals with the many and various processes of picturing culture. It challenges their diverse epistemological assumptions and has constructed its own framework of questions pertaining to “why to” and “how to” mediate culture with audiovisual means. With this project I try to develop a special approach for picturing Intangible Heritage. The basic ideas derive their epistemological substantiation from contemporary Visual Anthropology. However, they go a step further by adapting some thoughts and applying them to the problem while taking into account new technical means such as the internet. Key ideas for this undertaking are multivocality and multisitedness, empowerement and experiment, cooperation and co-production.
SYNOPSIS
Auf welcher epistemologischen Grundlage müßte eine ethnologisch geleitete mediale Adaption von immateriellem Kulturerbe stehen? So lautet die Leitfrage meines derzeitigen Forschungsprojektes, das in einer Habilitationsschrift münden soll. Der von mir zu entwickelnde Ansatz speist sologen die Erfahrung, daß der ethnologische Wissensfundus von der medialen Praxis erstaunlich wenig abgerufen wird. Zum ersten hat die Medienpraxis immer noch große Schwierigkeiten, in der Darstellung von Kulturen theoretische Erkenntnisse der postkolonialen Ethnologie zu integrieren. Die Diskursivierung der Position und der Praxen des Beobachters, die Vermeidung von stereotypisierenden Zuschreibungen oder auch die Thematisierung anderer Sichtweisen und Machtverhältnisse zählen nach wie vor nicht zum Grundlagenwissen der Medienpraxis, sondern haben bislang höchstens bei, in der Regel marginalisierten Dokumentarfilmern Anregungen hinterlassen. Zum zweiten ist das Themenfeld mit einer Reihe ethisch-moralischer Fragen behaftet, etwa die nach kulturellem Urheberrecht, nach subtilen und technologie-inhärenten Euro- und Chronozentrismen u.ä.m. Dies hat nicht zuletzt zu einer dramatisch gesunkenen Akzeptanz von Konzepten des „ethnographischen Films“ als Praxis der Kulturrepräsentation geführt, was in den letzten drei Jahrzehnten eine aktive, gar avantgardistische Rolle der Ethnologie eher verhinderte. Schließlich findet, drittens, die Praxis der Medienproduktion eben nicht im geschützten Raum des universitären Seminars statt, sondern auf einem hart umkämpften kulturindustriellen Marktplatz, dessen Mechanismen den meisten Ethnologen unbekannt sind. In aller Regel dominieren hier kommerzielle Produktionen, die Quoten bringen müssen und deswegen auf die „Theorie der Praxis“, also bewährte Sehweisen und Produktionsmodi zurückgreifen und standardisierte Narrationsmuster perpetuieren. So verwundert nicht, daß es auch dort, wo es um die Darstellung fremder Kulturen geht, kaum je zu Berührungen mit medienanthropologischer Theorie kommt, die etwa dafür plädiert, das Repertoire der eigenen narrativen Formen zu hinterfra
ich aus den Leitfragen der Ethnologie sowie aus der spezifischen „Picturing Culture“ bzw. „Filming Culture“ Debatte und versucht, diese in ein Spannungsfeld zu anderen wichtigen Traditionen dokumentarischen Arbeitens sowie zu Diskursen der Wissensanthropologie zu stellen.
Kultur also solche gibt es nicht - es gibt lediglich Repräsentationen von Kultur. Die mediale Darstellung von Kultur sowie die reflexive Erarbeitung theoretischer Konzepte, die diese Repräsentationen leiten, sind daher originäre Forschungsfragen und Tätigkeitsfelder von Ethnologen, und dies nicht erst seit das Nachdenken über Bilder durch zahlreiches Debattieren über diverse „Turns“, wie Iconic Turn, Pictorial Turn, Visual Turn, Media Turn bzw. Medial Turn, die bildbezogenen Forschungsparadigmen in den Blick gerückt hat. Schon lange arbeiten Subdisziplinen wie z.B. die Symboltheorie, die Visuelle Anthropologie und die Medienanthropologie über die Medialität von Kultur einerseits und die epistemologischen Fragen, die mit der Herstellung von, z.B. audiovisuellen Repräsentationen befaßt sind, andererseits. Die Wissensanthropologie fragt darüber hinaus nach den Beziehungen zwischen Visualität und Visualisierung, Übersetzungsprozessen, Transfer und Aneignung von Wissen, aber auch nach den ökonomisch-politischen Rahmenbedingungen, unter denen sich diese Prozesse vollziehen. Dieser letzte Punkt ist nicht zu vernachlässigen, denn vielfach machen mit Medien befaßte Ethn
gen, zu erweitern oder gar radikal zu durchbrechen.
Dabei ist und bleibt die mediale Adaption von Kultur im Allgemeinen bzw. von „fremder“ Kultur im Besonderen, fraglos eine Kernkompetenz und vordringliche Forschungsfrage der Ethnologie. Mit dem global zunehmenden Interesse an Kultur allgemein, und den vielerorts angestrebten Programmen kultureller Revitalisierung im Besonderen, rückt sie heute wieder stärker ins Blickfeld. Hier geht es nämlich immer auch darum, materielle Repräsentationen von Kultur herzustellen, um sie entweder unmittelbar für das eigene Funktionsgedächtnis fruchtbar zu machen, oder aber im Speichergedächtnis für später einmal möglicherweise wieder erneut relevant werdende Perspektiven auf Menschsein zu bewahren. Da es keine Selbstorganisation des kulturellen Gedächtnisses gibt, ist dieses auf entsprechende politische Prozesse angewiesen. So hat z.B. die UNESCO bestimmte, nicht materielle Kulturtraditionen zum „Intangible Cultural Heritage“ erklärt, steht jetzt aber vor dem Problem, wie (fremde) immaterielle Kultur (häufig von Fremden, fast immer für Fremde) medial adaptiert werden soll, ohne gleichzeitig Musealisierung, Kommerzialisierung oder Folklorisierung derselben Vorschub zu leisten.
Wie ist das Forschungsprojekt angelegt? In einem ersten Schritt geht es mir darum, die genannten Diskurse aufzuarbeiten und einen entsprechenden theoretischen Rahmen für eine ethnologisch geleitete mediale Adaption von immateriellem Kulturerbe zu skizzieren. Daran anschließen wird sich die Entwicklung einer Methode, die an die mediale Praxis anknüpfbar ist. In einem weiteren Schritt werde ich mich modellhaft mit der medialen Adaption eines „Intangible Heritage“ befassen.
Konferenz- und Tagungstteilnahmen: Teilnahme an der UNESCO Konferenz zur kulturellen Vielfalt im Juli 2007 in Essen (vgl. Lipp 2007b); Teilnahme an der internationalen UNESCO Intangible Heritage Culture Konferenz „Sharing Cultures 2009“ auf den Azoren im Juni 2009 (vgl. Lipp 2009f); Teilnahme an der Konferenz „Welterbe und kulturelle Vielfalt – Herausforderung für universitäre Bildung" in Cottbus im Oktober 2009; Teilnahme und Vortrag am interdisziplinären Expertenworkshop „Kulturelle Überlieferung – digital. New Heritage – New Challenge“ im Dezember 2009 sowie im Juni 2010 am KIT in Karlsruhe; Teilnahme am „World Oral Literature Project Workshop” im Dezember 2009 in Cambridge, UK; Vortrag auf der ESfO Konferenz im Juli 2010 an der University of St. Andrews, UK; Vortrag auf der EASA Konferenz im August 2010 in Dublin.
Themenbezogene Texte des Autors:
Lipp, Thorolf (2011f)
Materialising the Immaterial. On the Paradox of Medialising Intangible Cultural Heritage.
In: Rudolff, Britta; Albert; Marie-Therese; Bernecker, Roland: “Understanding Heritage: Paradigms in Heritage Studies”. DUK Bonn; (22 pages, submitted).
Lipp, Thorolf (2011a)
Arbeit am medialen Gedächtnis. Zur Produktion und Archivierung von Intangible Cultural Heritage Medien.
In: Hauser, Robert; Robertson von Trotha, Caroline (Hg): Kulturelle Überlieferung digital. New Heritage - New Challenge
Karlsruhe University Press, 2011 (24 S.; im Erscheinen)
Lipp, Thorolf (2009h)
Outline for an Intangible Heritage Media Institute
A project at the interface between science, art, culture and media.
Lipp, Thorolf (2009g)
Picturing Intangible Heritage: Challenge for Visual Anthropology.
Vision of an Intangible Heritage Media Institute
Sharing Cultures 2009 International Conference on Intangible Heritage
Green Lines Institute, Barcelos 2009: pp. 81-91
Lipp, Thorolf (2008a)
Das „Intangible Heritage Media Institute“.
Skizze eines medienanthropologischen Projektes
an der Schnittstelle von Theorie und Praxis.
(Mit Gertraud Koch)
Lipp, Thorolf (2008d)
Exposé zur Gründung eines Institutes
für die mediale Vermittlung und Archivierung
sowie die medien- und wissensanthropologische Erforschung
des von der UNESCO zu
„Meisterwerke des mündlich bewahrten,
immateriellen Erbes der Menschheit“
erklärten Weltkulturerbes
(Mit Gertraud Koch)
